Familienstiftungen Paul Wolfgang Merkel und Werner Zeller
Unsere Familie

Richard PFITZENMAIER[1, 2]
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Name Richard PFITZENMAIER Geburt 24 Mai 1923 Besigheim,Ludwigsburg,Baden-Württemberg,Deutschland,,
Geschlecht männlich Tod ? 2006 Personen-Kennung I40386 Merkel-Zeller Zuletzt bearbeitet am 9 Mrz 2026
Vater Karl PFITZENMAIER, geb. 11 Jul 1897, Besigheim,Ludwigsburg,Baden-Württemberg,Deutschland,,
Mutter Mina GAUGER, geb. 21 Feb 1898 Familien-Kennung F17843 Familienblatt | Familientafel
Familie Gesperrt Kinder 1. Gesperrt 2. Gesperrt 3. Gesperrt 4. Gesperrt Familien-Kennung F17849 Familienblatt | Familientafel Zuletzt bearbeitet am 31 Jan 2009
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Notizen - Besigheimer Geschichtsblätter, Nr. 13, Dieter Schedy, Besgamer Leit‘ ond ihre Gschichte, 1993, S. 3-12: Heiteres und Besinnliches
Steine sind sein Geschäft
Fleiß und Schaffenskraft, Besinnlichkeit und Heiterkeit sind wohl die Eigenschaften des Richard Pfitzenmaier, die ihn sein Leben lang begleitet haben und die ihn, heute 69-jährig, immer noch kennzeichnen. Zwar besteht seine Firma erst seit 1953, doch das, was er erlebt, gibt ein umfassendes Bild seiner Arbeit und seines Charakters.
1923 geboren, besuchte er in seiner Heimatstadt die Schule und absolvierte in einem ortsansässigen Betrieb seine Lehre als Platten- und Fliesenleger. In einem Stuttgarter Betrieb erlernte er das Handwerk des Steinmetz. Diesen Ausbildungen folgten die Meisterprüfungen. In seiner Freizeit besuchte Richard Pfitzenmaier den damals schon 70jährigen Bildhauer Schäfer, um bei ihm für ihn wesentliche Techniken zu erlernen. In dieser Weise bestens ausgerüstet, gründete er im März 1953 sein Platten-, Fliesen- und Grabsteingeschäft.
In der 1951 von einem Brand beschädigten ehemaligen Wagner ei Joos in der Kirchstraße stellte er seine erste Bandsäge auf. Als Lagerraum benützte er den daneben liegenden, ausgedienten kleinen Geißenstall. Der Mietpreis für beide Räume betrug monatlich 30. - DM, damals fast ein Wochenlohn. Um diesen Preis aufbringen zu können, war Richard Pfitzenmaier gezwungen, weit in die Nacht hinein zu arbeiten, oft 60 bis 70 Stunden in der Woche. Dies wurde ihm aber dadurch erschwert, daß sich weder Licht noch Wasser in seiner Werkstatt befanden. Eine Stromleitung mit Zwischenzähler waren vom Nachbarhaus bald gelegt, eine Wasser- und Abwasserleitung zu installieren, gelang ihm aber nicht. So sammelte er das Wasser, das er benötigte, in einer Regentonne hinter dem Haus. War diese leer, holte er sein Wasser vom Marktbrunnen, Sommer wie Winter. Treu zur Seite stand ihm seine Frau, obwohl sie noch zwei einjährige Kinder zu betreuen hatte. Um seine Arbeitsaufträge erledigen zu können, benötigte Richard Pfitzenmaier ein Fahrzeug. Es war ein altes Motorrad mit einem selbstgebauten Anhänger. Doch oftmals waren Fliesen, Waschbecken und Seifenschalen "durch das Gehoppel" des Anhängers zerbrochen, bis er bei seiner Kundschaft ankam. Später konnte er sich ein gebrauchtes Dreiradauto kaufen, das ihm viele Jahre treue Dienste tat.
Bald nach der Firmengründung stellte Richard Pfitzenmaier einen Lehrling und ein halbes Jahr danach einen Gesellen ein. In seiner "besten" Zeit arbeiteten vier Gesellen in seinem Handwerksbetrieb. Insgesamt wurden in der Firma 12 Lehrlinge und zwei Anlernlinge ausgebildet; darunter befanden sich drei Kammersieger . "Langsam kam der Aufschwung am Bau“, erklärt Pfitzenmaier, "und wir hatten alle Hände voll zu tun. Das Geschäft vergrößerte sich, wir begannen zu bauen und konnten schließlich 1956 in unseren neuen Betrieb im Gebiet Wörth einziehen." Die Erstellung des Betriebes mit eigener Wohnung war nur durch Eigenleistungen möglich, die nach Feierabend und an den Wochenenden erbracht werden mußten. Bankkredite und Darlehen zur Betriebsgründung wurden nicht gewährt, da Richard Pfitzenmaier recht mittellos war.
So wie jedes Handwerk, so ist auch das des Richard Pfitzenmaier ständigen Änderungen unterworfen. Doch Pfitzenrnaier gelang es immer wieder, sich den Neuerungen anzupassen; das, was er einst gelernt hatte, kann er nur noch als Grundlage seiner jetzigen Arbeit verwenden. Viele Bauherren sind dazu übergegangen, ihre Fliesen selbst zu verlegen, was durch den heute verwendeten Kunststoffkleber recht einfach geworden ist.
Deshalb hat sich Richard Pfitzenmaier immer mehr auf das Erstellen von Grabsteinen verlegt. Sein geschultes Auge, seine künstlerische Veranlagung und seine geschickten Hände haben ihm in diesem Bereich großes Ansehen weit über die Grenzen seiner Heimatstadt verschafft. Dennoch sei hier von einer kleinen Begebenheit aus dem Jahre 1953 berichtet, von der seine Kundschaft wohl nie etwas erfahren hat: In besagtem Jahr hatte Richard Pfitzenmaier unter anderen den Auftrag, in einem Neubau Bodenplatten zu verlegen. Da sich der Neubau außerhalb Besigheims befand und am nächsten Tag ein anderer Auftrag auf ihn wartete, wollte er diesen noch am selben Tag erledigen. Doch der Abend nahte schneller als gedacht, und elektrisches Licht war in diesem Neubau noch nicht vorhanden. So schickte er seinen Stift in den nahegelegenen Konsum, um Kerzen zu holen. Diese wurden aufgestellt, angezündet, und die Arbeit konnte weitergehen. Mit jeder Reihe gelegter Bodenplatten wurden die Kerzen gerade um diese weitergerückt. Um 22 Uhr war das Werk vollbracht, und Richard Pfitzenmaier und sein Lehrling 'machten sich auf den Heimweg.
In dieser Nacht ließ ein unangenehmes Gefühl den Plattenleger nur unruhig schlafen. Es war auch dieses Gefühl, das ihn am nächsten Morgen noch einmal auf besagte Baustelle trieb. Als er dort ankam und sein Werk vom Abend zuvor betrachtete, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Die Platten waren in gleichmäßigen, wunderschönen Wellen gelegt, so rund und gleichmäßig, wie das Licht und der Schatten der Kerzen gefallen waren. "Da packte mich eine saumäßige Wut", stellte er fest. "Ich ergriff eine Schaufel, fuhr unter die Platten und habe alles zum Fenster hinausgeschmissen. Der Speiß war ja noch nicht, fest."
An dieser Stelle könnte nun berichtet werden, wie Richard Pfitzenmaier Entwürfe für Grabsteine erstellt, wie er die Grabsteine bearbeitet und sie letztlich auf dem Friedhof aufstellt. Doch das wäre wohl etwas für eine Fachzeitschrift und nicht für Leser, die etwas aus dem Leben ihrer Handwerker erfahren möchten. Hier dürften wohl einige Begebenheiten gerade aus dem Leben des Richard Pfitzenmaier interessanter sein, die er mir während einer Abendstunde erzählt hat. Ich möchte sie an dieser Stelle weitergeben.
Kartoffeln in der Nacht
Es war die Zeit, als noch das motorisierte Dreirad ein vielbeachtetes Gefährt auf unseren Straßen war. Dieses Fahrzeug war sehr sparsam; denn wenn Reifen zu wechseln waren, benötigte man einen weniger als heute. Andrerseits war es schon recht modern, denn es hatte einen Vorderradantrieb. Auf diesem Vorderrad zog man gern einen grobstolligen Reifen auf, so daß man auf den damaligen Schotterstraßen gut voran kam. Solch ein Gefährt besaß unser Plattenleger Richard Pfitzenmaier. Mit ihm legte er weite Strecken in der Umgebung zurück, konnte auf der Pritsche all sein Handwerkszeug unterbringen und dazu noch Fliesen, Kacheln und Zement.
Als fleißiger Handwerker hatte er wieder einmal bis zum Einbruch der Dunkelheit gearbeitet. Dann hieß er seinen Gesellen an, die Werkzeuge zu putzen. Er selbst verstaute das übrige Material auf der Pritsche. Als die beiden sich von Heutingsheim auf den Nachhauseweg machten, war mittlerweile die Nacht hereingebrochen. Es war Herbst. Man setzte sich in dem Dreirad zurecht, der Chef startete den Motor und ab ging's auf der holperigen Landstraße Richtung Besigheim. Nur sehr spärlich leuchteten die beiden kleinen Scheinwerfer. Richard Pfitzenmaier fühlte mehr die Landstraße unter sich, als daß er sie sehen konnte. Mit einem Mal ging es nicht mehr weiter. Richard legte den ersten der drei Gänge ein, gab Gas, der Motor heulte auf, aber anstatt einer Vorwärtsbewegung fühlte er, wie sich sein Auto nach vorn neigte. Meister und Geselle verließen das Fahrzeug. Dabei erkannten sie, daß sie mit dem Vorderrad und mit dem linken Hinterrad in einem Kartoffelacker steckten.
"Das haben wir gleich", sagte Pfitzenmaier zu seinem Gesellen. "Ich steige ein und gebe Gas, und du schiebst." Gesagt, getan. Richard legte den Vorwärtsgang ein, der Geselle schob, und nichts bewegte sich. "Mensch, du musch richtig nalange! Paß auf!", schrie der Meister zum Seitenfenster hinaus. Dann gab er Vollgas, legte den Rückwärtsgang ein, dann den Vorwärtsgang und versuchte, sich auf diese Weise aus dem Acker herauszuschaukeln. In diesem Moment schrie der Geselle:' 'Chef, mir fliaget Ebiera um da Kopf!" - "Na machsch dei Maul uf, na hosch scho g'veschpert", kam da die prompte Antwort. Ob er es getan hat, weiß man nicht. Auf jeden Fall sind beide an diesem Abend etwas später heimgekommen.
Was ist ein Kubikmeter?
Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Alles grünte und blühte. Die Vögel sangen. Nur er nicht. Er war schlecht aufgelegt, was bei einem Handwerker nie der Fall sein sollte, denn dann läuft meistens etwas schief. So sehr er es liebte, neue Dinge anzugehen, so sehr haßte er es, Restarbeiten zu erledigen. Doch unser Fliesenleger kam nicht umhin, Reste aufzuarbeiten.
So machte er sich auf den Weg zu dem Neubau, den er gestern Abend wegen Einbruch der Dunkelheit hatte verlassen müssen. Als er dort ankam, war der Besitzer nicht anwesend. Warum sollte er auch? Das Haus war ja noch nicht bewohnt. Richard nahm seinen Eimer und ging in die Küche, um Wasser zum Anrühren seines Mörtels zu holen. Aus dem Wasserhahn kam aber nur Luft. " Aha", dachte er, "im Keller abgestellt." So stieg er die zwei Stockwerke hinunter und stand vor einer Tür. Als er sie schwungvoll öffnen wollte, stieß er mit dem Kopf dagegen. "Verflixt", murmelte er zwischen den Zähnen hervor. Einerseits, weil er sich den Kopf angestoßen hatte, andrerseits, weil er nun kein Wasser hatte. Wie sollte er nun seinen Mörtel anrühren? Als der Fliesenleger die Baustelle schon wieder verlassen wollte, entdeckte er eine Kittelschürze in Nachbars Garten, die sich über einem weitausladenden Hinterteil spannte. Der Rest des Körpers, vor allem der Kopf, steckte zwischen Goldlack, Erdbeeren und Tomaten.' 'Vielleicht kann ich hier etwas Wasser bekommen", dachte Richard und stolperte über Bauschutt und leere Zementsäcke an den Gartenzaun. "Hallo, Sie! ' , , rief er. Keine Antwort. "Hallo, Frau Nachbarin, hören Sie mich?", rief er ein zweites Mal. Jetzt kam Leben in die Kittelschürze. Auf den Stiel ihres Gartengerätes gestützt, richtete sich die recht rundliche Frau auf. Kurz danach schauten ihn zwei braune Augen, die zu einem runden, vom Bücken roten Gesicht gehörten, blitzend an. "Ach, Sie sind's", sagte die Nachbarin und tat so, als ob sie ihn kennen würde. "Was isch denn?“- "Ich kann nicht weiterschaffen, weil ich kein Wasser hab", erwiderte Pfitzenmaier. "Könnte ich etwas von ihnen bekommen?" Nicht gerade begeistert fragte sie ihn, wieviel er benötige. "So zwei bis drei Eimer voll", erwiderte er kleinlaut. Als sie das hörte, wurde die rundliche Frau etwas zugänglicher und gestattete dem Handwerker, das Wasser aus dem Hahn in ihrem Garten zu holen. Nach der Fertigstellung der Arbeiten ging Richard Pfitzenmaier anstandshalber zur edlen Spenderin, um sich noch einmal zu bedanken. Sie rappelte sich zum zweiten Mal aus ihrem Gemüsebeet empor, stützte sich wiederum mit rotem Gesicht auf ihr Gartengerät und meinte, ohne die Miene zu verziehen: "Ja, ja, isch scho' recht. Aber Wasser isch halt teuer ond koscht Geld." Richard war über diese Aussage so verdutzt, daß er nur an seine 5 Mark denken konnte, die er bei sich hatte. Er griff in die Hosentasche, holte seinen abgeschabten Geldbeutel hervor und meinte vorsichtig: ' 'Ich hab' nur 5 Mark. Glauben Sie, daß das langt?' , Und ihr die 5 Mark reichend, fügte er etwas standfester hinzu: "Normalerweise kostet ein Kubikmeter 5 Mark, und das sind 1000 Liter.' , "Was, 1000 Liter", rief da die rundliche Nachbarin, "sie kenn aber schnell rechne!", steckte das Geld in ihren Schurz und verschwand mit dem Kopf zwischen den Tomaten.
Der Zementsack
Der Lehrling Richard hatte verschlafen. Ohne Frühstück und ohne Morgentoilette erreichte er dennoch halbwegs pünktlich die Baustelle im Meisenweg. Um dem Chef sein Zuspätkommen nicht merken zu lassen, machte er sich sofort an die Arbeit. Doch sein Innerstes befand sich in Aufruhr. Der Grund war nicht die Morgenzeitung, die er sonst an einem stillen Örtchen las, sondern das, was sonst noch dazu gehörte. Es drückte einfach.
Zu der Zeit gab es noch kein stilles Örtchen auf den Baustellen, wie das heute gang und gebe ist. Und sein Chef hatte allen eingeprägt, daß man Baustellen auf diese Weise nicht verunreinigen dürfe. Also war guter Rat teuer. Doch die Natur verlangte ihr Recht. Und da man gerade mit Arbeiten im 1. Stock beschäftigt war, schlich Richard in den Keller des Hauses und tat, was ihn sein Innerstes hieß. Dann drückte er den Zementsack zu und gesellte sich - zutiefst erleichtert - wieder zu seinen Mitarbeitern.
Als die Vesperzeit kam, packte jeder seine Aktentasche und begab sich, da die Sonne strahlend vom blauen Himmel lachte, nach draußen. Dort lagen genügend Hohlblocksteine herum, auf denen man sich, nachdem man sie in einem Kreis aufgestellt hatte, niederließ. Eine böse Macht wollte es, daß just an diesem Tag das Ischias den Chef plagte. Er wollte sich nicht auf den kalten Stein setzen und bat einen Gesellen, ihm ein Brett oder etwas ähnliches als Unterlage zu besorgen. Dieser schien von einer besonderen Ungeschicklichkeit, denn nach kurzem Suchen kam er mit eben diesem Zementsack wieder, den Richard vor nicht allzu langer Zeit mißbraucht hatte. Richard blieb das Vesper im Hals stecken.
Der Chef erhob sich, und voll Eifer - wie es Toren oft zu tun pflegen - legte er den Zementsack auf den Hohlblockstein, drückte ihn noch etwas zurecht und ließ sich darauf nieder. Dann nahm er sein Vesper und biß genüßlich hinein. Bald verbreitete sich ein durchdringender Geruch. Der Zementsack war aufgeweicht, und das Ergebnis sickerte zwischen den Beinen des Chefs hindurch. "Wer kann sich hier nicht beherrschen?!", schrie dieser. Alle Augen richteten sich auf den Vorgesetzten. Als man erkannte, was da geschah, brach man in schallendes Gelächter aus. Nur zwei lachten nicht. Der eine, weil er von einer unbeschreiblichen Angst geplagt wurde, und der andere, weil er eine Sauwut in sich aufsteigen spürte.
Seltsamer Zufall
Richard Pfitzenmaier ist nicht nur Fliesenleger, sondern auch Grabsteinsetzer. Aus diesem Grund bekam er eines Tages von einem Bekannten den Auftrag, das Grab der Großmutter einzufassen. N ach Absprache und Beschreibung der Grabstelle versprach Pfitzenmaier eine schnelle Erledigung, was auch geschah. Zwei Wochen später kam der Kunde ganz erbost zu Pfitzenmaier und fragte, warum er die Grabeinfassung noch nicht gesetzt habe. "Ich wollte zu Pfingsten das Grab einpflanzen, damit es was gleich sieht. Was sollen die Leut' jetzt von mir denken?"
Nun, die Leute, das sind die anderen Schwaben, die von den anderen Schwaben immer etwas denken. Was sie denken, weiß man nie so recht. Aber was man selbst denken würde, das weiß man ganz genau. Also können die Leute von mir nur das denken, was ich denken würde. Und davor hat jeder Schwabe angst. Deswegen macht man hier im Ländle vieles, nur damit die Leute nichts denken. Aber denken tun sie doch. Also befindet sich der Schwabe immer in einer vertrackten Situation, die ihn zu vielen Unternehmungen treibt, die Nicht-Schwaben, diesen armen Mitbewohnern unseres Planeten, nur ein Kopfschütteln entlocken. Das dürfte wohl auch der Grund sein, weswegen wir uns hier im Land der Tüftler und Denker befinden.
Doch nun zurück zum Grabsteinmacher und seinem Kunden.
Erstaunt fauchte der erstere den zweiten an:' 'Was sagst du da? Ich glaub' du spinnst. Deine Pasela (Stiefmütterchen) könnten schon lange wieder verblüht sein, so lang sitzt die Einfassung schon!" Da der Kunde aber nicht von seiner Behauptung abwich, Richard aber ebenfalls auf seiner bestand, stiegen beide in das Auto und fuhren zur Grabstelle. "Da, guck, ist das keine Einfassung?", fragte Richard, dort angekommen. "Des scho', aber net mei Grab", kam die Antwort. Richard hatte sich in der Eile, die der Auftrag verlangte, in der- Grabstelle vertan und die daneben liegende eingefaßt. Es war ein unbekanntes Grab. "Nimm doch die Einfassung wieder heraus“, meinte der Kunde, "und setz' sie bei mir ein." Richard Pfitzenmaier vertrat aber die Auffassung, daß man einem Toten nichts wegnehmen solle. Deshalb beließ er die Einfassung an dem fremden Grab. Der ursprüngliche Auftraggeber bekam die seinige und konnte noch vor Pfingsten die Pasela einpflanzen.
An dieser Stelle könnte eigentlich unsere Geschichte enden, wäre da nicht jener Abend im Oktober gewesen, an dem Richard in seiner Werkstatt saß und an dem ihm ein eigenartiges Gefühl überkam und er einfach zum Friedhof fahren mußte. Er ging ziellos zwischen den Gräbern umher, schaute diesen und jenen Grabstein an und las diese und jene Inschrift. Da kam ein unbekannter Mann mit einem Vollbart auf ihn zu:' 'Entschuldigen Sie, wenn ich sie so einfach anspreche", sprach der Fremde. Er sprach, was in unserem Land soviel bedeutet, daß er der schwäbischen Sprache nicht mächtig war. "Kennen Sie hier in Besigheim einen Steinmetz?" - „Ja“, erwiderte Richard und gab sich zu erkennen. Darauf ergriff er Richard an seinem grauen Kittel und führte ihn an das unbekannte Grab. "Wissen Sie, wer das Grab eingefaßt hat?" Als Richard Pfitzenmaier dem Fremden daraufhin das Versehen mit der Grabeinfassung erzählt hatte, ergriff der Fremde Richards Hand und bedankte sich bei ihm. Er erzählte ihm, daß der Tote ausgebombt aus dem Ruhrgebiet nach Besigheim gekommen und hier in sehr hohem Alter verstorben sei. Seit dem Tode seines Großonkels sei er nicht mehr in Besigheim gewesen. "Doch mein Inneres hat mich immer wieder gemahnt, das Grab doch einmal zu besuchen", sagte der Fremde. "Doch nun genug der Geschichten. Was darf ich Ihnen für die Einfassung bezahlen?“
Auf dem Nachhauseweg dachte Richard: "Der hat nun ein ruhiges Gewissen, und ich hab' mein Geld", was wohl auch im Angesicht des Todes keine Sünde ist.
- Besigheimer Geschichtsblätter, Nr. 13, Dieter Schedy, Besgamer Leit‘ ond ihre Gschichte, 1993, S. 3-12: Heiteres und Besinnliches
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Quellen - [S39] Friedrich Christian Schlatterer, Schlatterer, (Erscheinungsort: Besigheim
Erscheinungsdatum: 2000), 4/2013.
- Pfitzenmaier Ahnentafel.
- [S39] Friedrich Christian Schlatterer, Schlatterer, (Erscheinungsort: Besigheim
Erscheinungsdatum: 2000), 4/2013.
